Ich bin ein Geist, für kurze Frist gebannt
An dieses Flusses klüftereichen Strand,
Wo Schilfrohr bräunlich blüht, wo die Libellen
Wie heisse blaue Nadeln mich durchschnellen
Und manchmal mit unwirksamer Gewalt
Ein menschlich Lied mich Schauenden umhallt.
Urseele, die nicht endet, nicht beginnt,
Selbst formlos, nur in Formen lebt und sinnt,
Sie hat mich in die Luft hervorgerufen;
Sie weiss für mich noch viele, viele Stufen,
Und jede macht mich lauterer und neuer.
Am Ende werd ich wohl als reines Feuer
Der alten Flamme wieder zugezündet,
Mein Glück erfüllt, mein heiliger Lauf gegründet.
O Stundengang! o Segen irdischer Haft!
Wie fühl ich meine lichtgeborene Kraft
So gross und leidlos über Fisch und Welle!
Was aber bricht an jener Uferstelle
Den gelben Ton der grauen Weidenrinde?-
Zwei Flügel sinds, goldblau mit Purpurbinde,
Die manchmal sich gedankenstill bewegen,
Als ob die Freudenwoge drüber ging
Ich kenne dies; es ist ein Schmetterling,
Ein Wesen mit verwandt, vom Strahl begnadet,
Das trunken lebt und keinem andern schadet.
O wie's den Äther saugt! Mit starkem Duft
Wie reife Beeren würzt es rings die Luft -
Doch still! Der selten Farbenfolge Bann
Lockt aus der Flut schon einen Feind heran,
Strandbürtig Volk, verwegene nackte Knaben;
Ein jeder will das lichte Kleinod haben.
Hier wird Gefahr! Ein Geisterrecht gebrauch ich,
Ich winde mich um ihn, unmerkbar hauch ich
Die Flügel ihm zusammen o so leicht,
Dass er im Nu der dürren Rinde gleicht.
Ein Häscher stutzt schon, beugt sich zweifelnd vor,
Mit halben Blicken streifend Baum und Rohr;
Ein andrer findet Muscheln unterdessen.
Bald, schöner Schmetterling, bist du vergessen.
Nun lass dich erst mir hoher Lust beschauen!
In Flügelunterflächen, scheinbar grauen,
Rankt seltsam goldne Schrift, - Ein Netz von Zügen,
Die sich so zart und streng zusammenfügen
Wie leichter Sand auf klangbeseeltem Glas.
Zu welchem Wunder aber wird mir das!
Die goldne Schrift glänzt auf, - ich kann sie lesen!
Luft, Feuer, Wasser, Stein, mein eigenes Wesen
Erfahr ich schmerzentzückt zum ersten Mal -
Fort! Fort! Ich will kein Wissen keine Wahl!
Ein Heisses, Kreisendes will mich bezwingen,
Vom Geisterdienste los, muss ich mich ringen, -
Wohin? Ich seh es nicht, ich fühle nur:
Ein fremdes Reich lockt mich auf glühende Spur.
Hinunter schwingts. Mein Ätherblut wird wärmer,
Ich brenne, - halt! flieh nicht! bleib, goldner Schwärmer!
Nur einen Blick noch in Dein Zauberbuch! -
Er gaukelt weg, ihn hält kein Flehn, kein Fluch -
Hans Carossa