Johannes' "blau und schwarz gekleidete Mütter"
Knut Hamsun
Victoria. Die Geschichte einer Liebe
Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen rauscht und
dann wieder dahinstirbt. Oft ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben
lang dauert, bis zum Tode. Gott hat sie in vielerlei Arten geschaffen und hat sie bestehen
oder vergehen sehen:
Zwei Mütter gehen auf einem Weg dahin und sprechen miteinander. Die eine ist in heitere blaue
Gewänder gekleidet, denn ihr Geliebter ist von der Reise heimgekommen. die andere ist in Trauer.
Sie hatte drei Töchter, zwei dunkle - die dritte war blond, und die blonde starb. Es ist zehn
Jahre her, zehn ganze Jahre, und doch trägt die Mutter noch Trauer um sie.
Es ist so herrlich heute! jubelt die blaugekleidete Mutter und schlägt die Hände zusammen. Die
Wärme berauscht mich, die Liebe berauscht mich, ich bin voller Glück. Ich könnte mich hier auf
dem Wege nackt ausziehen und meine Arme der Sonne entgegenstrecken und ihr Küsse senden.
Aber die schwarzgekleidete ist still und lächelt nicht und antwortet nicht.
Trauerst du immer noch um dein kleines Mädchen? fragt die Blaue in der Unschuld ihres Herzens.
Ist es nicht zehn Jahre her seit sie starb?
Die Schwarze antwortete:
Doch. Jetzt würde sie fünfzehn Jahre alt sein.
Da sagt die Blaue, um sie zu trösten:
Aber du hast andere Töchter am Leben, du hast noch zwei.
Die Schwarze schluchzt: Ja. Aber keine von ihnen ist blond. Sie, die starb, war blond.
Und die beiden Mütter trennen sich, und jede geht ihres Weges, jede mit ihrer Liebe...