Johannes' "die blau gekleidete Mutter"
Knut Hamsun
Victoria. Die Geschichte einer Liebe
Die blaugekleidete Mutter war in der entsetzlichsten Spannung; sie erwartete jeden Augenblick ein Signal
aus dem Garten, und der Weg war nicht frei, niemand konnte den Garten durchqueren, solange ihr Mann nicht
das Haus verlassen hatte. Ach, dieser Mann, dieser Mann, mit seinen vierzig Jahren und der Glatze! Was
war das nur für ein unheimlicher Gedanke, der ihn heute abend so bleich machte und ihn in seinem Stuhl
zurückhielt, ihn unerschütterlich, unerbittlich in seine Zeitung starren ließ?
Sie fand nicht eine Minute Ruhe; jetzt war es elf Uhr. Die Kinder hatten sie vor langer Zeit zu Bett
gebracht; aber der Mann wollte nicht gehen. Wie, wenn das Signal ertönte, die Tür mit dem kleinen, lieben
Schlüssel geöffnet wurde - und zwei Männer einander träfen, Angesicht in Angesicht dastünden und einander
in die Augen blickten! Sie wagte nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken!
Sie ging in die finstere Ecke des Zimmers, rang die Hände und sagte endlich geradeheraus:
Es ist jetzt elf Uhr. Wenn Du noch in den Klub willst, dann mußt du jetzt gehen.
Er erhob sich mit einem Ruck, noch bleicher als zuvor, und ging aus dem Zimmer, aus dem Haus. Vor dem
Garten bleibt er stehen und lauscht auf einen Pfiff, auf ein kleines Signal. Man hörte Schritte im Kies,
ein Schlüssel wird in das Schloß der Haustüre gesteckt und umgedreht; - dann sieht man kurz darauf zwei
Schatten auf dem Vorhang des Fensters.
Und er kannte das Signal von früher, die Schritte und die beiden Schatten auf dem Vorhang, alles war
ihm bekannt.
Er geht zum Klubhaus. Es ist offen, in den Fenstern ist Licht; doch er geht nicht hinein. Zwei Viertelstunden
lang treibt er sich so in den Straßen umher und vor seinem Garten auf und ab, zwei unendliche Viertelstunden.
Ich will noch eine Viertelstunde warten! denkt er und verlängert die Zeit auf drei. Dann geht er in den
Garten, steigt die Treppe hinauf und läutet an seiner eigenen Türe. - Das Mädchen kommt und schließt auf,
steckt den Kopf ein wenig zur Tür hinaus und sagt:
Die gnädige Frau ist schon lange...
Da erkennt sie, wen sie vor sich hat, und hält inne.
Jawohl, zur Ruhe gegangen, antwortet er. Wollen Sie der gnädigen Frau sagen, daß ihr
Mann heimgekommen ist?
Und das Mädchen geht. Sie klopft bei der gnädigen Frau an und richtet ihren Auftrag durch die geschlossene
Türe aus:
Ich soll ausrichten, daß der Herr zurückgekommen ist.
Die Frau fragt innen:
Was sagst du, der Herr ist zurückgekommen? Von wem sollst du das ausrichten?
Vom Herrn selber. Er steht draußen.
Da ertönt ein ratloser Jammer im Zimmer der gnädigen Frau; es wird eifrig geflüstert, eine Türe geht auf
und wird geschlossen. Dann wird alles still.
Und der Herr tritt ein. Seine Frau geht ihm entgegen, den Tod im Herzen.
Der Klub war geschlossen, sagt er sofort aus Gnade und Barmherzigkeit. Ich ließ dich erst benachrichtigen,
um dir nicht Angst zu machen.
Sie fällt auf einen Stuhl, getröstet, befreit, gerettet. In dieser glückseligen Stimmung strömt ihr gutes
Herz über, und sie fragt ihren Mann nach seinem Befinden:
Du bist so bleich. Fehlt dir etwas, Liebster?
Ich friere nicht, antwortet er.
Oder ist die etwas zugestoßen? Dein Gesicht ist so seltsam verzerrt.
Der Mann antwortete: Nein, ich lächele. Das soll meine Art zu lächeln vorstellen. Ich will, daß diese
Grimasse eine Eigenart von mir sein soll.
Sie hört diese kurzen, heiseren Worte und begreift sie nicht, kann sie nicht fassen. Was meint er wohl?
Plötzlich schlingt er seine Arme um sie, eisenhart mit schrecklicher Kraft, und flüstert dicht an
ihrem Gesicht:
Was meinst du, wenn wir ihm Hörner aufsetzen ... ihm, der fortging ... wenn wir ihm
Hörner aufsetzen?
Sie stößt einen Schrei aus und ruft dem Mädchen.
Mit einen stillen, trockenen Lachen läßt er sie los, während er den Mund weit aufreißt und sich auf
beide Schenkel schlägt.
Am Morgen gewann das gute Herz der Frau wieder die Oberhand, und sie sagt zu ihrem Mann:
Du hattest gestern abend einen merkwürdigen Anfall; es ist ja jetzt vorbei, aber du bist auch
heute noch bleich.
Ja, antwortet er, es ist anstrengend, in meinem Alter geistreich zu sein. Das werde ich nie mehr
versuchen.