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Johannes' "Die letzte Art der Liebe"

Knut Hamsun
Victoria. Die Geschichte einer Liebe

Denn so berauschend ist eine besondere Art der Liebe!

Die jungen Herrschaften sind eben heimgekehrt, ihre lange Hochzeitsreise ist zu Ende, und sie begeben sich zur Ruhe.

Eine Sternschnuppe erstrahlte über ihrem Dach.

Im Sommer gingen die jungen Herrschaften miteinander und wichen eines nicht von des andere Seite. Sie pflückten gelbe, rote und blaue Blumen, die sie einander schenkten, sie sahen das Gras sich im Winde bewegen und hörten die Vögel im Walde singen, und jedes Wort, das sie sprachen war eine Liebkosung. Im Winter fuhren sie mit Pferden, die Glocken trugen, und der Himmel war blau, und hoch oben rauschten die Sterne über unendliche Ebenen dahin.

So vergingen viele, viele Jahre. Die jungen Herrschaften bekamen drei Kinder, und ihre Herzen liebten einander wie am ersten Tag beim ersten Kuß. Da erfaßte den stolzen Herrn seine Krankheit, diese Krankheit, die ihn so lange ans Bett fesselte und die Geduld seiner Frau auf eine so harte Probe stellte. Als er wieder gesund war und vom Bett aufstand, erkannte er sich nicht wieder; die Krankheit hatte ihn entstellt und ihn seiner Haare beraubt.

Er litt und grübelte. Eines Morgens sagte er: Jetzt liebst du mich wohl nicht mehr?

Aber errötend schlang seine Frau die Arme um ihn und küßte ihn so leidenschaftlich wie im Frühling ihrer Jugend und antwortete:

Ich, ich liebe, liebe dich immer. Ich vergesse nie, daß ich es war und keine andere, die du nahmst und die so glücklich wurde.

Und sie ging in ihr Zimmer und schnitt all ihr blondes Haar ab, um ihrem Mann, den sie liebte, zu gleichen.

Und wieder vergingen viele, viele Jahre. Die junge Herrschaft wurde alt, und ihre Kinder waren erwachsen. Wie früher teilten sie immer noch jedes Glück; im Sommer gingen sie immer noch ins Freie und sahen das Gras wogen, und im Winter hüllten sie sich in ihre Pelze und fuhren unter dem Sternenhimmel dahin. Und ihre Herzen waren immer noch warm und froh wie von seltsamem Wein.

Da wurde die Frau lahm. Die alte Frau konnte nicht mehr gehen; sie mußte in einem Fahrstuhl gefahren werden, und der Herr selbst schob sie. Aber die Frau litt durch dieses Unglück unsäglich, und ihr Gesicht bekam tiefe Furchen vor Trauer.

Da sagte sie eines Tages:

Ich würde jetzt gern sterben. Ich bin so lahm und häßlich, und dein Gesicht ist so schön, du kannst mich nicht mehr so lieb haben wie früher.

Aber der Herr umarmt sie, rot vor Bewegung, und antwortete:

Ich, ich liebe dich mehr, mehr als mein Leben, du Liebe, liebe dich wie am ersten Tag, wie in der ersten Stunde, als du mir die Rose gabst. Erinnerst du dich? Du reichtest mir die Rose und sahst mich mit deinen schönen Augen an; die Rose duftete wie du, du errötetest wie sie, und alle meine Sinne wurden berauscht. Aber noch mehr liebe ich dich jetzt, du bist schöner als in deiner Jugend, und mein Herz dankt dir und segnet dich jeden Tag, den du mein gewesen bist.

Der Herr geht in sein Zimmer, gießt Säure über sein Gesicht, um es zu verunstalten, und sagt zu seiner Frau:

Ich hatte das Unglück, Säure in mein Gesicht zu bringen. Meine Wangen sind voller Brandwunden - du liebst mich jetzt wohl nicht mehr?

Oh, du mein Bräutigam, mein Geliebter, stammelt die alte Frau und küßt seine Hände. Du bist schöner als irgendein Mann auf Erden, deine Stimme macht mir noch heute das Herz heiß, und ich liebe dich bis in den Tod.