Das Ende des Romans: Victoria schreibt an Johannes
Knut Hamsun
Victoria. Die Geschichte einer Liebe
Lieber Johannes! schrieb sie. Wenn sie diesen Brief hier lesen, bin ich tot. Alles ist jetzt
so seltsam für mich, ich schäme mich nicht mehr vor Ihnen und schreibe Ihnen wieder, gleichsam
als sei dem nichts im Wege. Früher, als ich noch mitten im lebendigen Leben war, hätte ich
lieber Tag und Nacht gelitten, als wieder an Sie geschrieben; jetzt aber habe ich angefangen
abzusterben und denke nicht mehr so. Fremde Menschen haben mich bluten sehen, der Doktor hat
mich untersucht und gesehen, daß ich nur noch einen Teil der Lunge habe, wofür soll ich mich
da noch schämen.
Ich habe nun im Bett gelegen und über die letzten Worte nachgedacht, die ich zu Ihnen gesagt
habe. Im Wald, an jenem Abend. Damals dachte ich nicht, daß dies meine letzten Worte sein
sollten, denn dann hätte ich Ihnen gleichzeitig Lebewohl gesagt und Ihnen gedankt. Jetzt werde
ich Sie nicht mehr sehen können, und ich bereue jetzt, daß ich mich nicht vor Ihnen
niedergeworfen und Ihre Schuhe und die Erde, auf der sie gingen, geküßt und Ihnen nicht gezeigt
habe, wie unsäglich ich Sie liebte. Ich lag hier und wünschte gestern und heute, ich möchte doch
nicht so krank sein, damit ich wieder heimkommen und in den Wald gehen könnte, um den Platz zu
finden, an dem wir saßen, als Sie meine beiden Hände hielten; denn dann könnte ich mich dort
hinlegen und sehen, ob ich nicht eine Spur von Ihnen fände, und könnte alles Heidekraut ringsum
küssen. Aber ich kann jetzt nicht heimkommen, wenn es nicht möglicherweise etwas besser wird, wie
meine Mutter glaubt.
Lieber Johannes! Es ist merkwürdig, zu denken, daß ich nichts anderes ausgerichtet habe, als auf
die Welt zu kommen und Sie zu lieben und jetzt vom Leben Abschied zu nehmen. Glauben Sie mir, es
ist sonderbar, hier zu liegen und auf Tag und Stunde zu warten. Schritt für Schritt entferne ich
mich vom Leben und von den Menschen auf der Straße und von dem Wagengerassel; auch den Frühling
werde ich wohl nie mehr sehen, und diese Häuser und Straßen und die Bäume im Park werden nach mir
zurückbleiben. Heute durfte ich im Bett aufsitzen und ein wenig zum Fenster hinaussehen. Unten an
der Ecke trafen zwei einander, sie grüßten einander und reichten sich die Hände und lachten über
das, was sie sagten; da aber war es so sonderbar für mich, daß ich, die hier lag und dies sah,
sterben solle. Ich mußte denken: die beiden da unten wissen nicht, daß ich hier liege und auf meine
Stunde warte; wüßten sie es aber, würden sie wohl trotzdem einander begrüßen und miteinander sprechen,
genau wie jetzt. Gestern nacht, als es dunkel wurde, dachte ich, dies sei meine letzte Stunde, mein
Herz fing an stillzustehen, und es war gleichsam, als hörte ich schon in weiter Ferne die Ewigkeit
mir entgegenrauschen. Im nächsten Augenblick aber kehrte ich von weit her zurück und fing wieder
an zu atmen. Es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Aber Mutter glaubt, es sei vielleicht nur
der Fluß oder der Wasserfall von daheim gewesen, an den ich mich erinnert habe.
Lieber Gott, Sie sollten wissen, wie ich sie geliebt habe, Johannes. Ich konnte es Ihnen nicht
zeigen, es hat sich mir so vieles in den Weg gelegt, vor allen anderen Dingen meine eigene Natur.
Mein Vater tat sich auch immer so weh, und ich bin seine Tochter. Aber jetzt, da ich sterben soll
und es für alles zu spät ist, schreibe ich Ihnen noch einmal und sage es Ihnen. Ich frage mich
selbst, warum ich es tue, da es doch gleichgültig für Sie ist, besonders wenn ich einmal nicht mehr
am Leben sein werde; aber ich möchte Ihnen gern bis zum letzten Augenblick nahe sein, damit ich mich
wenigstens nicht verlassener fühle als vorher. Wenn Sie dies lesen werden, ist es gleichsam, als
sähe ich Ihre Schultern und Hände und sähe alle Ihre Bewegungen, wie Sie den Brief vor sich hinhalten
und ihn lesen. Dann sind wir nicht so weit voneinander entfernt, denke ich. Ich kann keinen Boten nach
Ihnen senden, dazu habe ich kein Recht. Mutter wollte schon vor zwei Tagen nach Ihnen senden, aber ich
wollte lieber schreiben. Ich wollte auch am liebsten, daß Sie sich meiner so erinnern sollten, wie ich
einmal war, als ich noch nicht krank war. Ich erinnere mich, daß Sie ... (hier sind einige Worte
ausgelassen) ... meine Augen und Augenbrauen; aber auch die sind nicht mehr so wie früher. Auch aus
diesem Grunde wollte ich nicht, daß sie kämen. Und ich möchte Sie auch bitten, mich nicht im Sarg
anzusehen. Ich werde zwar fast so aussehen, wie zu der Zeit, als ich noch lebte, nur etwas bleicher,
und ich werde ein gelbes Kleid anhaben, aber trotzdem würden Sie es bereuen, wenn Sie kämen und
mich sähen.
Nun habe ich heute schon viele Male an diesem Brief geschrieben, und doch habe ich Ihnen nicht den
tausendsten Teil von dem gesagt, was ich sagen wollte. Es ist so fürchterlich für mich, zu sterben,
ich will es nicht, noch hoffe ich so innig zu Gott, daß es vielleicht ein wenig besser werden könnte,
wenn auch nicht länger als bis zum Frühling. Da sind die Tage hell, und an den Bäumen ist Laub. Wenn
ich jetzt wieder gesund würde, dann wäre ich gewiß nie wieder böse gegen Sie, Johannes. Wie habe ich
darüber nachgedacht und geweint! Ach, ich würde hinausgehen und alle Steine auf der Straße streicheln
und an jeder Treppenstufe, an der ich vorbeikäme, anhalten und ihr danken und gut gegen alle sein. Es
wäre ganz gleich, wie schlecht es mir auch erginge, wenn ich nur leben dürfte. Nie mehr würde ich über
etwas klagen, nein, ich würde dem, der mich überfiele und schlüge, zulächeln und Gott loben und danken,
wenn ich nur leben dürfte. Mein Leben ist so ungelebt; für niemanden habe ich etwas tun können, und
dieses verfehlte Leben soll jetzt enden. Wenn Sie wüßten, wie ungern ich sterbe, würden Sie vielleicht
etwas tun, würden alles tun, was in Ihrer Macht stünde. Sie können freilich nichts tun; aber ich dachte,
wenn Sie und die ganze Welt für mich beteten und mich nicht fortlassen wollten, würde Gott mir das Leben
schenken. Oh wie dankbar wollte ich da sein und nie mehr jemand etwas Böses tun, sondern allem zulächeln,
was mir beschieden wäre, wenn es mir nur erlaubt wäre zu leben.
Mutter sitzt da und weint. Sie saß auch die ganze Nacht hier und weinte um mich. Das tut mir ein wenig
wohl, es mildert die Bitterkeit des Abschieds. Heute dachte ich auch: Was würden Sie wohl denken, wenn
ich eines Tages auf der Straße schön gekleidet gerade auf sie zukäme und nichts Verletzendes mehr sagen
würde, sondern Ihnen eine Rose gäbe, die ich schon vorher gekauft haben könnte? Dann dachte ich gleich
wieder daran, daß ich nie mehr das tun kann, was ich will; denn ich kann wohl nie mehr gesund werde, ehe
ich sterbe. Ich weine so oft, ich liege still da und weine unaufhörlich und trostlos; es tut mit in der
Brust nicht weh, wenn ich nicht schluchze. Johannes, lieber, lieber Freund, mein einziger Geliebter auf
der Erde, kommen Sie jetzt zu mir und seinen Sie ein wenig hier, wenn es zu dunkeln beginnt. Ich werde
nicht weinen, sondern lächeln, nur vor Freude darüber, daß Sie gekommen sind.
Nein, wo sind mein Stolz und mein Mut?! Ich bin jetzt nicht die Tochter meines Vaters; aber das kommt
daher, daß die Kräfte mich verlassen haben. Ich habe lange Zeit gelitten, Johannes, lange vor diesen
letzten Tagen. Ich litt, als Sie im Ausland waren, und später dann, seit ich im Frühling hier in die
Stadt kam, habe ich jeden Tag nur gelitten. Ich habe nie vorher gewußt, wie unendlich lang die Nacht
sein kann. Ich habe Sie in dieser Zeit zweimal auf der Straße gesehen, das eine Mal summten Sie vor sich
hin, als Sie an mir vorbeigingen - aber Sie sahen mich nicht. Ich hoffte, Sie bei Seiers sehen zu können;
aber sie kamen nicht. Ich hätte nicht mit Ihnen gesprochen, noch hätte ich mich gerade vor Sie
hingestellt, sondern wäre nur dankbar gewesen, Sie von weitem sehen zu dürfen. Aber Sie kamen nicht. Da
dachte ich, daß Sie vielleicht um meinetwillen nicht gekommen wären. Um elf Uhr fing ich zu tanzen an,
weil ich es nicht aushielt, länger zu warten. Ja, Johannes, ich habe Sie geliebt, in meinem ganzen Leben
nur Sie geliebt. Victoria ist es, die dies schreibt, und Gott liest es über meine Schultern.
Und jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen, es ist nun beinahe dunkel, und ich sehe nicht mehr. Leben Sie
wohl, Johannes, Danke für jeden Tag! Wenn ich von der Erde wegfliege, werde ich Ihnen noch einmal bis zum
letzten Augenblick danken und auf dem ganzen Weg Ihren Namen vor mich hinsagen. So leben Sie denn wohl für
Ihr ganzes Leben und verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angetan habe, und daß ich mich nicht vor Ihnen
niederwerfen und deswegen um Vergebung habe bitten können. Ich tue es nun in meinem Herzen. So leben Sie
wohl, Johannes, und für immer Lebewohl. Und noch einmal Dank für jeden einzigen Tag und jede Stunde.
Ich kann nicht mehr.
Ihre Victoria.
Nun habe ich die Lampe anzünden lassen, und es ist viel heller für mich. Ich habe in tiefem Schlaf gelegen
und bin wieder fort von der Erde gewesen. Gott sei Dank, es war nicht so unheimlich für mich wie früher,
ich hörte sogar ein wenig Musik, und vor allem war es nicht dunkel. Ich bin so dankbar. Aber jetzt habe ich
keine Kräfte mehr zum Schreiben. Leb wohl, mein Geliebter..