Johannes' "Irrgang der Liebe"
Knut Hamsun
Victoria. Die Geschichte einer Liebe
Ja, was war die Liebe? Ein Wind, der in den Rosen rauscht, nein, ein gelbes Irrlicht im Blut. Die Liebe
war eine höllenheiße Musik, die selbst die Herzen der Greise tanzen macht. Sie war wie die Marguerite,
die sich dem Kommen der Nacht weit öffnet, und wie die Anemone, die sich vor einem Atemhauch verschließt
und bei Berührung stirbt.
So war die Liebe.
Sie konnte einen Mann zugrunde richten, ihn wieder aufrichten und ihn wieder brandmarken; sie konnte
heute mich lieben, morgen dich und morgen nacht ihn, so unbeständig war sie. Aber sie konnte auch
festhalten wie ein unzerbrechliches Siegel und bis zur Stunde des Todes gleich unauslöschlich flammen, denn
so ewig war sie. Wie war denn die Liebe?
Oh, diese Liebe ist wie eine Sommernacht mit Sternen am Himmel und mit Duft auf der Erde. Aber weshalb läßt
sie den Jüngling verborgene Wege gehen, und weshalb läßt sie den Greis in seiner einsamen Kammer auf den
Fußspitzen stehen? Ach, die Liebe macht des Menschen Herz zu einem Pilzgarten, einem üppigen und unverschämten
Garten, in dem geheimnisvolle und freche Pilze stehen.
Läßt sie nicht den Mönch in verschlossene Gärten schleichen und in der Nacht den Blick in die Fenster der
Schlafenden werfen? Und macht sie nicht die Nonne toll und verdunkelt den Verstand der Prinzessin? Sie wirft
den Kopf des Königs auf den Weg, daß sein Haar den Staub der Straße fegt, und läßt ihn dabei schamlose Worte
vor sich hin flüstern und lachen und die Zunge herausstrecken. So war die Liebe.
Nein, nein, sie war doch wieder ganz anders, und sie war wie nichts sonst auf der Welt. In einer Frühlingsnacht,
als ein Jüngling zwei Augen, zwei Augen sah, kam sie auf die Erde. Er starrte und sah. Er küßte einen Mund,
da war es, als träfen sich zwei Lichter in seinem Herzen, eine Sonne, die einem Stern entgegenblitzte. Er fiel
in einen Schoß, da hörte und sah er nichts mehr auf der ganzen Welt.
Die Liebe ist Gottes erstes Wort, der erste Gedanke, der durch sein Gehirn glitt. Als er sagte: Es werde Licht!
ward es die Liebe. Und alles, was er geschaffen hatte, war sehr gut, und er wollte nichts davon wieder
ungeschehen machen. Und die Liebe war der Ursprung der Welt und die Beherrscherin der Welt; aber alle ihre Wege
sind voll von Blumen und Blut, Blumen und Blut.