Jungfernflug
Ozean
Das kleine zähzarte Mädchen mit den langen blonden Haaren, die auf dem leichten
dunkelblauen Sommerkleidchen schöner leuchten als Gold - dieses kleine blonde
Mädchen geht geraden und sicheren Schrittes an den Käfigen des Vogelhändlers vorbei.
Mit kindisch ernstem Blick prüft sie jeden Käfig, wendet sich dann in flinker
Drehung an den Vogelhändler, der vor ihr erstarrt wie vor der heiligen Jungfrau
im Augenblick größter Sünde. "Laß den hier frei!", fordert das Mädchen und der
Vogelhändler öffnet wortlos den Käfig. Das Mädchen faßt den jungen Vogel, dessen
ganzer Körper noch zarter ist als die feinen Mädchenhände, um ihn herauszu nehmen.
Mit dem Vogel geht sie bis kurz vor den Wald, hält ihn dort über ihrem Kopf,
streckt sich lang in die Höhe, daß sie fast das Gleichge wicht verliert. Eine kurze
Welle der Verwirrung rennt über ihr Ge sicht, sie zögert, nimmt ihn nochmal herunter,
um ihn zu küssen und wirft ihn dann in den hellen Sommerhimmel. Ihre Handflächen
leuchten in der Sonne.
Erschreckt von seiner plötzlichen Freiheit flattert der junge Vogel los, taumelnd
zuerst, dann in allen Sinnen berauscht von seinem auf strebenden Flug durch heiße
Lüfte zu zarten Winden.
Immer höher und höher erschreckt der junge Vogel vor dem Rausch und der Höhe seines
Fluges - kurz bevor sich die Kralle des Raubvo gels durch seinen Körper bohrt.