Wirre Rede eines alten Mannes
Ozean
Ich bin ein alter Mann. Meine Frau starb vor einigen Jahren. Jetzt ist meine Zeit gekommen
und ich weiß nicht mal genau, ob ich sie je richtig geliebt habe - ich weiß nur, daß sie
mich immer geliebt hat. Sie hat mehr für mich getan als je ein Mensch für einen anderen tun
würde. Sie hätte alles für mich aufgegeben, vielleicht wäre sie sogar für mich gestorben.
Als ich sie traf, wußte ich schon, daß ich die Liebe nicht so fühlen kann wie andere,
befürchtete sogar, daß ich gar nicht lieben kann. Romantische Geschichten über die eine
einzige, erste und vollkommene Liebe las ich mit Genuß. Diese Gedichte und Geschichten waren
der einzige Weg, wenigstens etwas von dieser Liebe zu fühlen. Sie ermutigten mich, geduldig
nach dieser Liebe zu suchen.
Aber als ich ihre Liebe erfuhr, wandte ich mich von der eigenen Suche nach der vollkommenen
Liebe ab und entschied alles zu tun, um sie glücklich zu machen und wenigstens ihren Traum
von der Liebe zu erfüllen.
Damit verbrachte ich mein ganzes Leben. Und es war schön. Jede Entbehrung, jeden Schmerz, den
ich durch meine Unvollkommenheit fühlte - oft plagte mich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie
doch nicht so lieben konnte, wie sie mich -, waren mir nichtig, wenn ich sie nur einmal am Tag
ganz und gar glücklich sah.
Heute ist mein letzter Tag gekommen. Ich liege auf dem Sterbebett, sehe mein eigenes Leben schon
von einem entfernenten Ort. Ich bin so glücklich wie noch nie zuvor, denn heute sehe ich, was ich
mein Leben lang nur vermuten konnte, aber sie zu sehen bekam:
Mein Leben ist eines der Gedichte, die ich in jungen Jahren so gern las.